In fünf Jahren werden alle Gehälter transparent sein

 

 

  • Die Arbeitnehmer fordern auf allen Ebenen immer mehr Offenheit ein
  • Die Zeit der Autokraten und Diktatoren in den Vorstandsetagen ist vorbei
  • Wir brauchen politische Rahmenbedingungen, die den Wandel unterstützen

Die Veränderungsdynamik der Arbeitswelt gleicht einer Kerze, die an beiden Enden brennt. Da sind auf der einen Seite die Unternehmen, die bemerken, dass sie mit traditionellen Führungsmethoden immer schlechter in der Lage sind, im Wettbewerb und gegen den Innovationsdruck zu bestehen. Gleichzeitig sind auf der anderen Seite gerade jüngere Talente immer weniger bereit, das Arbeitsleben ihrer Elterngeneration zu führen, dem sich alles andere – Familie, Freunde, Interessen – unterzuordnen hat.

Ein quasi militärisches Verständnis von Führung kann in diesen Zeiten nicht mehr nachhaltig erfolgreich sein. Bei XING führen wir beispielsweise einmal pro Woche eine Mitarbeiterumfrage durch: Unsere 750 Kolleginnen und Kollegen können uns, dem Vorstand, – anonym, das ist uns wichtig – jede Woche ihre Meinung sagen. Wie gut waren wir als Unternehmen? Was hat geklappt? Was muss besser werden? Freitags nehmen wir dann zu den Ergebnissen Stellung: Wir erklären, erläutern und nehmen das Feedback zum Anlass, Dinge zu verändern. Unser Ziel: ein guter Arbeitgeber zu sein. So viel Transparenz kostet Energie, kann aufreiben, aber auch enorm anspornen. Der Einsatz lohnt sich: Denn ob wir ein guter Arbeitgeber sind, entscheiden nicht irgendwelche Normen, sondern die Mitarbeiter von XING.

Alle müssen neue Wege gehen

Auch die Vorstände anderer Unternehmen, zumindest hinter vorgehaltener Hand, wissen um diesen Umbruch. Allerdings ist es schwer, den gewohnten Status, alte Privilegien und Hierarchienormen über den Haufen zu werfen – gerade in traditionellen Unternehmungen. Ich sage deswegen: In den kommenden Jahren müssen wir alle – Führungskräfte, Arbeitnehmer und Politiker – stärker umdenken, als wir das jemals mussten. Es fehlt an hochattraktiven, innovativen und neuartigen Arbeitsbedingungen. Die Digitale Agenda der Bundesregierung greift hier bislang genauso zu kurz wie die der EU. Wer sich mit diesen Thesen beschäftigt, stellt zum Beispiel fest, dass neue Arbeitsformen schnell an die Grenzen gesetzlicher Rahmenbedingungen stoßen. Selbst das Arbeiten im Homeoffice ist beispielsweise juristisch durchaus problematisch.

Dabei probieren immer mehr Unternehmen neue Wege aus, wie sich Arbeit neu und zukunftsgerichtet organisieren lässt. Beim New Work Award, den XING derzeit zum dritten Mal vergibt und der innovative Arbeitskonzepte kürt, haben sich dieses Mal mehr als 140 Firmen beworben – das ist ein Zuwachs der Bewerbungen gegenüber dem Vorjahr von mehr als 40 Prozent. Es tut sich was in den Köpfen. Und das ist gut so.

Querdenker brauchen eine echte Chance

Die Experimente und Maßnahmen der Unternehmen betreffen unterschiedlichste Themen. Dennoch kristallisieren sich aus meiner Sicht bestimmte Themen heraus, die es in Zukunft anzupacken gilt.

Das Idealbild des stromlinienförmigen Lebenslaufs vieler HR-Abteilungen muss überwunden werden! Zwar sprechen Personalverantwortliche gern von Querdenkertum und diversen Teams. De facto haben ungewöhnliche, gebrochene Lebensläufe nur wenige Chancen. Mit dem immer gleichen lässt sich allerdings nichts Neues erreichen. Menschen sind verschieden, Unternehmen sind verschieden. Lasst uns das fördern und nicht nivellieren. Diversität und Querdenkertum wachsen auf diesem Nährboden – und in der Folge Innovationen.

Mitarbeiter brauchen mehr Autonomie! Im rasend schnellen Wettbewerb ist es schlechterdings nicht möglich, komplexe Unternehmen par ordre du mufti zu steuern. Besser gelingt das mit autonom agierenden Teams, die die Mittel und die Freiheit haben, Entscheidungen zu treffen und Dinge auszuprobieren. Das Zeitalter des mündigen Arbeitnehmers hat begonnen. Die Transparenz wird weiter zunehmen! Was hinter Werkstoren und Bürotüren geschieht, ist längst für die Öffentlichkeit sichtbar. Ich denke, in fünf Jahren werden nicht nur Umfragen zur Stimmung im Unternehmen und zur Performance von Vorständen und Führungskräften, wie wir sie machen, selbstverständlich sein. Ich erwarte auch, dass alle Gehälter transparent sein werden. Sich gegen diesen Trend zu wehren wird chancenlos bleiben.

Wir brauchen ein neues Konzept für Arbeitszeiten! Mehr als 50 Prozent aller Kununu-Nutzer suchen nach Arbeitgebern, die flexible Arbeitszeiten bieten. Thema Nummer zwei: Homeoffice. Die Bedürfnislage der Arbeitnehmer ist klar. Die gute Nachricht: Für Wissensarbeit ist die Dauer der Arbeit vergleichsweise irrelevant, was zählt, ist das Ergebnis.

Individualität erfordert Flexibilität

In Summe heißt das: Das „Normalarbeitsverhältnis“ gibt es nicht mehr! Denn es gibt auch nicht den „Normalmenschen“ oder den „Normalmitarbeiter“ mit „normalen Bedürfnissen“. Die Komplexität der individuellen Lebensentwürfe ist zu hoch, als dass wir sie schematisch abbilden und strukturieren könnten.

Wer es nicht schafft, flexible und kreative Bedingungen herzustellen, wird verlieren. Um das klar zu sagen: Wer unter Employer Branding Hochglanzbilder und Marketing-Websites versteht, denkt viel zu kurz. Die Bedingungen, die in den Unternehmen herrschen, sind zunehmend transparent – und die besten Talente haben die Wahl.

Das Silicon Valley etwa zeichnet sich nicht nur durch das Vorhandensein von Kapital und Know-how aus. Es zeichnet sich durch einen Lebensstil aus, der hochattraktiv ist. Wenn wir über Cluster und europäische Champions nachdenken, greift die Agenda viel zu kurz, wenn wir nur über Venture Capital und Standford-Kopien nachdenken.

Wir müssen groß denken – und wenn wir das schaffen, profitieren alle: Unsere Unternehmen werden innovativer. Und wir verbessern die Lebensqualität der Berufstätigen um ein Vielfaches. Und zwar durch besseres Arbeiten.

 

Quelle: https://www.xing.com/news/klartext/in-funf-jahren-werden-alle-gehalter-transparent-sein-339?sc_o=da536_bn&xing_share=news